Leseprobe:    Imagination des Betrachters


Das fotografische Bild in der Werbung muss in erster Linie auffallen. Um dieses Ziel zu erreichen, hat sich die Werbebranche im Laufe der Zeit vielfältigster Methoden und verschiedenster Konzepte bedient. In den 90er Jah-ren scheiterte sie zunehmends mit ihren Bemühungen, den Konsumenten mit altbewährten Mitteln wie der klassischen AIDA-Methode (Attention, Interest, Desire, Action) zu erreichen. So wurden die Werbebranche und die Kreativen gezwungen neue unkonventionelle Wege zu gehen. Im Kampf um die Aufmerksamkeit auf dem Markt werden subtile Analogien beim Betrachter hervorgerufen, bis hin zum Schock. Damit Werbung erfolgreich ist, muss sie etwas Ungewöhnliches, Überraschendes oder gar Anstößiges generieren bis hin an die Grenzen des Erlaubten. ...
Die Bilder der Werbung bedürfen dabei der Imagination des Betrachters, die zum einen durch seine eigenen Erfahrungen, Vorstellungen und Wünsche geprägt ist und zum anderen durch ein übergeordnetes kollektives Gedächtnis. Dieses besteht aus einem Bildrepertoire, das


in der Gesellschaft verankert und sowohl von Konventio-nen als auch tradierten Inhalten geformt ist. Um eine schnelle, eindeutige Decodierbarkeit zu gewährleisten, ist die Werbung deshalb immer gezwungen zu imitieren beziehungsweise zu variieren. Die Werbung bedient sich der Erkennbarkeit populärer Bilder, die durch die Wieder-holung bestimmter Motive verstärkt wird. Eventuelle Variationen bewegen sich im Rahmen eines unverän-derten Basismotivs, dem des Stereotyps oder Klischees. Im Gegensatz zur im Allgemeinen gültigen Auffassung sind Klischees keine isolierten, abgegriffenen Bedeutungs-fragmente, sondern konzentrierte Bedeutungskerne. Sie spiegeln nicht die Wirklichkeit wider, sondern wirken vor allem assoziativ und rufen beim Betrachter Konnotationen hervor. Es zeigt sich, dass die Bilder keine Bedeutungen enthalten, die nur "gelesen" werden müssen, diese wer-den vielmehr erst durch den Betrachter der Anzeige zuge-ordnet, also konstruiert. Grundsätzlich Neues ist nur mit einem hohen Werbedruck zu erzeugen und muss vom Betrachter über einen längeren Zeitraum "gelernt" werden.